Leseprobe · Teil I – Das Vermächtnis

Kapitel 1

Das komplette erste Kapitel – ungekürzt. Ca. 10 Minuten Lesezeit.

Der Anruf kam um 10:47 Uhr, mitten im dritten Tagesordnungspunkt.

Karla Brandt sah das Display kurz an, eine Nummer mit fremder Vorwahl, und drückte sie weg, ohne den Satz zu unterbrechen, den sie gerade sagte. »Wir können bei diesem Volumen nicht über Nachverhandlung sprechen, solange die Lieferzusagen nicht schriftlich vorliegen«, sagte sie, und die sieben Menschen am Tisch nickten, weil sie es immer taten, wenn sie in diesem Ton sprach. Es war ein ruhiger, klarer Ton. Sie hatte ihn sich vor Jahren angewöhnt, und inzwischen wusste sie nicht mehr genau, ob es überhaupt noch ein Ton war oder einfach ihre Stimme.

Das Telefon summte erneut. Wieder dieselbe Nummer.

»Entschuldigung«, sagte sie, und es klang, als sei sie es nicht. Sie stand auf, ging drei Schritte zum Fenster und nahm ab.

»Frau Karla Brandt?« Eine Männerstimme, höflich, mit einem Akzent, den sie nicht einordnen konnte. »Mein Name ist Idris Kalam, ich bin Notar in Tamarat. Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Ihr Vater, Herr Konrad Brandt, vor neun Tagen verstorben ist.«

Draußen, elf Stockwerke tiefer, fuhr ein Lieferwagen rückwärts in eine Ladezone. Sie sah zu, wie er es beim zweiten Versuch schaffte. »Frau Brandt? Sind Sie noch da?«

»Ja«, sagte sie. »Ich bin da.«

»Ich weiß, dass dies kein guter Moment ist. Ich habe versucht, Sie schon früher zu erreichen, aber die Adresse, die Ihr Vater hinterlegt hatte, war nicht mehr aktuell.«

»Ich bin zweimal umgezogen«, sagte Karla. Das stimmte. Sie hatte ihrem Vater keine der beiden Adressen mitgeteilt. Das stimmte auch.

Der Notar räumte ihr eine Pause ein, die sie nicht nutzte. Dann sagte er, es gebe einen Nachlass. Nichts Großes, wie er vorsichtig hinzufügte, ein Haus am Rand der Stadt, einige Papiere, persönliche Dinge. Aber das Testament enthalte eine Bedingung, über die er am Telefon nicht sprechen wolle. Er werde ihr alles schriftlich schicken. Ob sie eine Adresse angeben könne, an die die Post auch wirklich ankomme.

Sie gab ihm ihre Büroadresse. Sie buchstabierte den Straßennamen und die Postleitzahl, und ihre Stimme zitterte nicht, und irgendwo tief in ihr registrierte etwas dieses Nichtzittern und legte es zu den anderen Dingen, die sie später einmal ansehen würde.

»Mein Beileid«, sagte der Notar.

»Danke«, sagte sie. »Das ist sehr freundlich.«

Sie legte auf, drehte sich um und ging zurück zum Tisch. Sieben Gesichter sahen ihr entgegen.

»Wo waren wir?«, fragte sie.

Später, wenn sie an diesen Tag zurückdachte, würde sie sich wundern, dass die Sitzung noch vierzig Minuten gedauert hatte. Dass sie einen Vertragsentwurf zerlegt hatte, mit Präzision und ohne Fehler. Dass sie in der Mittagspause einen Salat gegessen und dabei tatsächlich E-Mails beantwortet hatte. Und dass es Robert aus dem Controlling gewesen war, der sie am frühen Nachmittag auf dem Flur zur Seite genommen hatte.

»Alles in Ordnung mit dir?«

»Natürlich. Warum?«

»Du hast vorhin diesen Anruf ...« Er wedelte vage mit der Hand. »Du warst danach ganz blass.«

»Das Licht in dem Raum ist schrecklich«, sagte Karla. »Ich habe schon dreimal gebeten, die Leuchten auszutauschen.«

Robert lachte, weil er dachte, sie mache einen Witz, und ging weiter. Sie sah ihm nach und bemerkte, dass sie ihn eigentlich mochte. Sie hätte ihm sagen können: Mein Vater ist gestorben. Es wäre ein wahrer, einfacher Satz gewesen. Aber er hätte etwas von ihr verlangt, einen Gesichtsausdruck oder eine Antwort auf sein Mitgefühl, und sie hatte an diesem Tag nichts mehr zu vergeben.

Es war seltsam. Sie war nicht traurig. Sie prüfte das ehrlich, wie man in einer Tasche nach dem Schlüssel tastet. Da war keine Trauer, nur eine merkwürdige Leere an einer Stelle, an der sie keine Leere erwartet hatte, so wie man im Dunkeln nach einer Stufe tritt, die nicht da ist.

Konrad Brandt war gegangen, als sie zwölf gewesen war. Nicht im Streit, nicht mit einem Knall, das wäre leichter gewesen. Er hatte an einem Dienstagmorgen seinen Kaffee getrunken, ihr über den Kopf gestrichen und gesagt: »Ich muss etwas zu Ende bringen, Kleines.« Dann hatte er einen Rucksack genommen, der viel zu klein wirkte für das, was er vorhatte, und die Tür hinter sich geschlossen. Sie hatte gewartet. Sie hatte drei Tage lang bei jedem Geräusch im Treppenhaus den Atem angehalten. Es waren Postkarten gekommen, in unregelmäßigen Abständen, mit Marken aus Ländern, deren Namen sie im Atlas nachschlagen musste. Zuerst hatte sie sie aufbewahrt. Dann hatte sie aufgehört, sie zu lesen. Dann hatte sie aufgehört, sie aufzubewahren.

Das letzte Mal hatten sie vor elf Jahren miteinander gesprochen, bei der Beerdigung ihrer Mutter. Er war unrasiert gewesen, braun gebrannt und seltsam friedlich, und er hatte gesagt: »Karla, ich möchte dir erklären ...«, und sie hatte gesagt: »Nicht heute.« Er hatte genickt, als hätte er genau diese Antwort erwartet, und war am selben Abend wieder abgereist.

Nicht heute. Sie hatte es wörtlich gemeint. Nur hatte es dann kein Heute mehr gegeben, das früh genug gewesen wäre.

Der Brief kam vier Tage später.

Er lag zwischen zwei Hochglanzprospekten und einer Einladung zu einem Führungskräfte-Dinner, ein schwerer, cremefarbener Umschlag mit fremden Briefmarken und einem Poststempel, den die Sekretärin mit ihrem Schreibtischmesser aufgeschlitzt hatte, ehe sie erkannte, dass er als »persönlich« gekennzeichnet war.

»Entschuldigung, Frau Brandt«, sagte sie. »Das sieht so aus, als ...«

»Schon gut. Danke.«

Karla wartete, bis die Tür wieder zu war. Dann setzte sie sich an den Schreibtisch, legte die Hände flach auf die Platte und atmete zweimal durch, wie sie es bei einem Achtsamkeitskurs gelernt hatte, den sie nach der dritten Sitzung abgebrochen hatte, weil sie die Zeit brauchte.

Der Brief war knapp. Herr Kalam bat sie, die Bedingung des Testaments zu beachten, die er hier wörtlich zitiere. Karla las den Absatz einmal, dann noch einmal, dann ein drittes Mal.

Meine Tochter Karla Brandt erhält mein Haus in Tamarat und alle darin befindlichen Dinge. Sie erhält sie jedoch nur, wenn sie den Nachlass persönlich in Empfang nimmt und die Reise, die ich nicht zu Ende gebracht habe, mit der Karawane des Amos Reyhani bis zu ihrem Ende geht. Sollte sie diese Bedingung nicht erfüllen, fällt das Haus an die Gemeinde. Es tut mir leid, dass ich sie um etwas bitte. Ich weiß, dass ich kein Recht dazu habe.

Sie las den letzten Satz ein viertes Mal. Dann lehnte sie sich zurück, und der Bürostuhl gab das leise, teure Knarzen von sich, für das sie ihn damals ausgesucht hatte.

Eine Karawane. Sie hätte fast gelacht. Es klang wie ein Satz aus einem Buch, das sie nie lesen würde. Wer schrieb im einundzwanzigsten Jahrhundert in ein Testament, seine Tochter solle mit einer Karawane reisen? Das war nicht Konrad Brandt, der Mann, der einmal aus einem Hotelzimmer ausgezogen war, weil das Frühstücksbüfett ihm zu laut gewesen war. Das war Konrad Brandt, der immer ein Gespür für Dramatik gehabt hatte, für den großen, letzten Auftritt, mit dem man alle Verantwortung auf einen Schlag an die Zurückgebliebenen delegierte.

Sie nahm ihr Telefon und wählte die Nummer des Notars. Er nahm nach dem zweiten Klingeln ab.

»Herr Kalam, ich habe Ihren Brief bekommen. Ich habe eine Frage. Ist diese Bedingung rechtlich haltbar?«

»Das ist sie«, sagte er. »Ich habe sie geprüft. Ihr Vater hatte einen sehr gründlichen Rechtsbeistand.«

»Kann ich das Haus verkaufen lassen, ohne selbst zu kommen? Über einen Makler, eine Vollmacht?«

»Nicht, ohne die Bedingung zu erfüllen. Dann fällt es an die Gemeinde.«

»Dann soll es die Gemeinde haben.«

Es blieb einen Moment still in der Leitung. Karla hörte im Hintergrund etwas wie Wind oder das Rauschen einer alten Klimaanlage. »Das ist Ihr gutes Recht«, sagte Herr Kalam. »Ich möchte Ihnen nur eines sagen, und dann sage ich nichts mehr. Ihr Vater hat in den letzten drei Jahren jeden Monat einmal bei mir angerufen. Immer mit derselben Frage: ob es Nachricht von Ihnen gebe.«

Karla sagte nichts.

»Ich hatte nie eine«, sagte der Notar. »Bis heute.«

»Ich werde darüber nachdenken«, sagte sie und legte auf.

Sie dachte nicht darüber nach. Das war der Plan, und sie hielt sich daran, und es gelang ihr nahezu perfekt.

Am Donnerstag präsentierte sie dem Aufsichtsrat die Quartalszahlen. Am Freitag entließ sie, gemeinsam mit der Personalleiterin, einen Abteilungsleiter, der zwanzig Jahre im Haus gewesen war, und fand hinterher, dass es sachlich und würdevoll verlaufen sei. Am Samstag arbeitete sie im Büro, weil dort niemand war und die Klimaanlage nicht rauschte. Am Sonntag ging sie laufen und kehrte nach vier Kilometern um, weil ihr Herz auf eine Art schlug, die sie nicht mochte.

In der Nacht zum Montag wachte sie um drei Uhr fünfzehn auf. Sie wachte in letzter Zeit oft um diese Zeit auf. Sie hatte es früher auf den Stress geschoben, dann auf den Kaffee, dann auf das Alter, und schließlich hatte sie aufgehört, Erklärungen zu suchen, und sich stattdessen angewöhnt, die Stunde zu nutzen. Sie stand auf, setzte sich an den Küchentisch, klappte den Laptop auf und arbeitete.

Der Bildschirm warf sein bläuliches Licht auf ihre Hände. Die Wohnung war still, makellos, aufgeräumt. Aus dem Schlafzimmer kam das gleichmäßige Atmen von Jonas, ihrem Mann, mit dem sie seit zwanzig Jahren verheiratet war und über den sie, wie ihr in diesem Moment auffiel, nichts Neues mehr wusste. Ein Designer hatte sie eingerichtet, und er hatte gute Arbeit geleistet: Es gab keinen einzigen Gegenstand darin, der nach Karla aussah. Nichts an den Wänden, nichts auf den Regalen, kein Foto, keine Postkarte.

Sie tippte einen Absatz, löschte ihn wieder, tippte ihn neu. Ein Wort blieb hängen, wie ein Fussel im Auge, und sie brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass es nicht im Text war. Es war in ihr.

Kleines.

Ihr Vater hatte sie so genannt. Nur er. In vierundvierzig Jahren war es niemandem sonst eingefallen, und sie hätte es sich auch verbeten. Sie saß mit gefalteten Händen am Küchentisch und hörte das Wort in einer Stimme, die sie seit elf Jahren nicht gehört hatte und die sie trotzdem sofort wiedererkannte, so wie man den eigenen Namen erkennt, wenn er in einem lauten Raum fällt.

Sie klappte den Laptop zu.

Es war ihr nicht möglich zu weinen. Sie versuchte es nicht einmal, es war eher so, dass sie prüfte, ob es möglich wäre, und feststellte: nein. Der Ort, an dem so etwas hätte entstehen können, war zugemauert, verputzt und frisch gestrichen. Sie hatte ihn selbst zugemauert, Ziegel um Ziegel, jahrelang, gewissenhaft, und keiner der Ziegel war je ein Fehler gewesen. Jeder einzelne war vernünftig gewesen.

Sie ging zum Fenster. Unten leuchtete eine Straßenlaterne über einer leeren Kreuzung, und es schien, als warte die Stadt auf jemanden, der nicht kam.

Ich weiß, dass ich kein Recht dazu habe.

Sie hatte in ihrem Leben eine Menge Verträge gelesen. Sie wusste, wie Menschen schrieben, wenn sie etwas erzwingen wollten, wenn sie Druck aufbauen und Schuld verteilen wollten. Sie kannte die Sprache der Manipulation, sie war fließend darin. Und dieser Satz gehörte nicht dazu. Er klang nicht nach Auftritt. Er klang nach einem Mann, der lange vor einer verschlossenen Tür gestanden und sich schließlich hingesetzt hatte.

Sie wollte ihn nicht ernst nehmen. Sie nahm ihn trotzdem ernst, und das ärgerte sie mehr als alles andere.

Um sechs Uhr, als die ersten Straßenbahnen fuhren, stand sie unter der Dusche. Um sieben trug sie ihren grauen Anzug, den mit der guten Schulterlinie, in dem sie aussah wie jemand, der nie Fragen hatte, nur Antworten. Um Viertel nach acht saß sie in ihrem Büro, und um acht Uhr zwanzig rief sie ihre Sekretärin herein.

»Ich brauche Sie für etwas Privates«, sagte sie.

Die Sekretärin, eine sorgfältige Frau um die Fünfzig, die in vier Jahren nie ein privates Wort von ihrer Chefin gehört hatte, blieb in der Tür stehen, als hätte man ihr ein Geschenk gemacht, von dem sie nicht wusste, ob sie es annehmen durfte.

»Ich muss für ein paar Wochen weg«, sagte Karla. »Vielleicht länger. Ich weiß es noch nicht.«

»Urlaub?«

»Eine Erbschaftsangelegenheit.« Sie hörte selbst, wie sachlich das klang, wie nach einem Termin beim Steuerberater. »Es gibt eine Stadt, Tamarat. Ich brauche einen Flug dorthin, so früh wie möglich. Und die Kontaktdaten eines Herrn Reyhani, Amos Reyhani, der dort eine Karawane leitet.«

»Eine ... Karawane?«

»Ja«, sagte Karla. »Ich weiß.«

Die Sekretärin notierte es. Ihr Stift zögerte nur einen Augenblick über dem Wort.

»Und die Sitzung am Freitag?«

»Übernimmt Herr Lenz.« Sie hörte, wie leicht es ihr über die Lippen ging. Es war kein Entschluss gewesen, der ihr Herzklopfen bereitete. Es war eher, als hätte sie eine Tür geöffnet, die sie für eine Wand gehalten hatte.

Als die Sekretärin hinausgegangen war, blieb Karla allein am Schreibtisch sitzen. Sie sah auf die Uhr. Sie sah auf den Brief. Sie sah auf ihre Hände, die ruhig auf dem Holz lagen, ganz ruhig, zu ruhig.

Sie würde hinfliegen, dachte sie. Sie würde das Haus ansehen, ein paar Unterschriften leisten und diese lächerliche Karawane bis zu ihrer nächsten Station begleiten, bis zu einem Punkt, an dem man mit Anstand aussteigen konnte. Zwei Wochen, höchstens drei. Sie würde ihre Pflicht erfüllen, so wie sie es immer tat, und dann zurückkommen in ein Leben, das auf sie wartete. Jonas würde es verstehen, oder zumindest nicht nachfragen, was auf dasselbe hinauslief.

Es war ein guter Plan.

Das Telefon klingelte. Der Aufsichtsratsvorsitzende, wie üblich pünktlich.

Sie nahm ab. »Guten Morgen«, sagte sie, mit ihrer ruhigen, klaren Stimme. »Ich habe gerade an Sie gedacht.«

Zwei Tage später bleibt Karlas Koffer im Sand stecken.
Es ist das Erste, was die Wüste ihr abnimmt.

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